#flashback – Anke im Heiligen Land (2014)

Hallo Leute!

Es gibt ja Reisen, die einen nachhaltig beeindrucken. Der Trip nach Machu Picchu gehört sicherlich dazu, auch meine erste Begegnung mit einem wilden Elefanten im Etosha Nationalpark in Namibia werde ich wohl nie vergessen. Ein einziges Erlebnis war meine Reise nach Jerusalem im Dezember 2014.

Ich bin ja nun kein allzu religiöser Mensch. Trotzdem war ich sofort dabei, als mein Mann mich fragte, ob wir im Anschluss an seine Vortragsreise noch einige Tage in Jerusalem verbringen wollen.

Einziger Haken dabei war, dass ich alleine anreisen sollte. Ich hatte vorher schon echte Schreckensstories von der israelischen Grenzkontrolle gehört, entsprechend hatte ich die Hose ordentlich voll, als ich vor die Dame in ihrem kleinen Kabuff treten musste. „Travel alone“ – „Öh yes, ähm no, my husband is already in Jerusalem“ – „Is he Muslim?“ – Schluck, Stotter – „Äh no, he is Christian“ – „Okay, you can proceed“. Schweißgebadet ging ich also weiter und holte mein Gepäck.

Die nächste Hürde – wie soll ich jetzt nach Jerusalem kommen? Das sind vom Flughafen in Tel Aviv immerhin rund 60 km. Die ganz öffentlichen Busse oder Züge, das stand schon auf der Website des auswärtigen Amtes, sollte man eher vermeiden (Anschlagsgefahr). Da blieben nur zwei Möglichkeiten. Zum einen kann man mit einem privaten Taxi fahren, was teuer ist, oder man kann das Sammeltaxi nehmen. Die findet man vorm Eingang des Flughafens direkt auf der rechten Seite und sie fahren immer dann, wenn sie voll sind. Und das geht in der Regel relativ schnell.

Der Sherut, wie das Sammeltaxi heißt, bringt einen direkt zur Wunschadresse (allerdings nur außerhalb der muslimischen Gebiete) – und das zu einem Preis von 79 Shekel, das sind umgerechnet rund 19€. Dafür fährt man relativ komfortabel in einem klimatisierten Kleinbus und außer dass bei den Checkpoints ab und zu mal ein Soldat durch die Tür schaut, wird man relativ in Ruhe gelassen. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt (ich wurde als letztes beim Hotel abgesetzt) kam ich dann auch rund 2 Stunden später in Jerusalem an und kommt gleichzeitig mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt. Ich war die einzige Europäerin innerhalb einer Orthodoxen Jüdischen Familie (Männer mit großen, schwarzen Hüten und Schläfenlocken, Frauen mit langem Rock), die kritischen Blicke hatte ich in Jeans und Strickjacke schonmal auf meiner Seite.

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Glücklicherweise war mein Mann auch schon da, aber es war relativ spät geworden, weshalb wir nach einem feierlichen Dinner beim kosheren McDonalds (ja, den gibts wirklich), dann erst am nächsten Tag in unser Abenteuer starten wollten.

Insgesamt waren 4 Tage Zeit, die wollten wir dann auch ordentlich nutzen, schließlich standen 3 große Weltreligionen auf dem Programm – zusätzlich wollten wir uns natürlich auch Jad Vashem und das Israelmuseum nicht entgehen lassen.

Judentum

Das Judentum war die erste Weltreligion, die Jerusalem als ihre heilige Stadt auserkohren. Daher war das „Thema“ auch als erstes auf unserem Programm bei der Erkundung der Altstadt.

Wir begannen allerdings mit einer Umrundung der Stadt. Auf dem Rampards Walk kann man nämlich sich zuerst auf der Stadtmauer einen Überblick verschaffen. Danach zog es mich aber relativ schnell zur Klagemauer, dem Ort, von dem man schon so viel gehört hatte. Bevor man aber das Areal vor der Mauer unterhalb des Tempelbergs betritt, muss man erst einmal eine Gepäckkontrolle über sich ergehen lassen. Als wir kamen, war allerdings nicht allzu viel los und die Guards schätzten die Gefahr, die von uns ausgehen könnte, nicht allzu hoch ein. Den Vorplatz kann man ohne Weiteres betreten, das Tragen einer Kippa etwa erst hinter der Absperrung nötig, man sollte sich eben dezent kleiden, ähnlich wie man es ja vielleicht auch von christlichen Kirchen kennt. Wir waren im Winter dort, also war das gar nicht so schwierig. Wir verzichteten darauf, an die Mauer heranzutreten und zu Beten. Wer das möchte, sollte aber beachten, dass hier strenge Geschlechtertrennung herrscht.

Eine weitere Jüdische Stätte, die mich sehr beeindruckt hat, ist der Friedhof am Ölberg, der zum Teil schon auf biblische Zeiten zurückgeht. Nach jüdischem Glauben ist beim Weltengericht der Tempelberg der Thron Gottes, dem man ganz nahe sein möchte. In einfachen Steinsärgen warten so viele Tausend schon seit mehr als einem Jahrtausend auf die Ankunft.

Natürlich auch sehr eindrücklich ist ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die Stätte liegt etwas außerhalb. Wir nahmen ein Taxi dorthin. Hier wird sowohl den Opfern als auch denen gedacht, die ihr Leben riskierten, um die jüdische Bevölkerung zu unterstützten. Beeindruckend ist hier besonders die „Halle der Namen“ und die „Allee der Gerechten“. Hier kann man beinahe einen ganzen Tag verbringen.

Wichtig ist, dass man beachtet, dass alle jüdischen Stätten, sowie viele Museen und Restaurants an Freitagen (Sabbat) ab Mittag geschlossen sind – auch die öffentlichen Verkehrsmittel stehen still, vorwärts kommt man nur zu Fuß oder mit einem Taxi (die werden meist von Palästinensern gefahren). Da auch bei den Muslimen das Freitagsgebet heilig ist, sollte man Freitags eher zu den Christlichen Stätten gehen.

Christentum

Das Christliche Viertel ist wohl das friedlichste. Rund um die Grabeskirche findet man hauptsächlich Händler, die alles verkaufen von Ikonen bis zu Rosenkränzen (die meisten sind übrigens nicht christlichen Glaubens).

Auf biblische Spuren trifft man hier allerdings allenthalben. Die Via Dolorosa etwa führt durch das muslimische Viertel und wird jeden Freitag um 15 Uhr von Pilgern bevölkert, die den Kreuzweg beten. Findige Geschäftsleute haben sich hier etwas ausgedacht – man kann sich dazu Kreuze leihen – in allen Größen und natürlich ist das Gebet umso wirksamer, desto größer man das Kreuz wählt. So kommt man sich um die Uhrzeit ein bisschen vor wie in einem etwas skurrilen Monty Python Film.

Von dort kommt man zunächst zur Erlöserkirche, die vom damaligen Kaiser Wilhelm II. als protestantische Kirche errichtet wurde. Der Besuch lohnt vor allem wegen der Turmbesteigung. Von hier oben hat man einen grandiosen Blick über die komplette Altstadt von Jerusalem.

Vor allem entlang der Via Dolorosa gibt es zahllose Klöster, jeder Orden hat hier eine Repräsentanz. Zudem gibt es das berühmte Österreichische Pilgerhospiz.

Auch eine Tour durch den Ölberg ist sehr friedlich. Zwischen jüdischen Gräbern findet man diverse biblische Orte wieder. Mein Lieblingsort hier ist das Pater Noster Kloster. Hier soll Jesus das Vater Unser verkündigt haben. Auf gebrannten Fliesen steht das Gebet hier in allen Sprachen, sogar in Plattdeutsch. Spannend ist auch die kleine Kapelle „Tränen des Herrn“. Hier schaut man durch eine Scheibe und wenn man gerade schaut, liegt das dort eingelassene Kreuz direkt über dem Felsendom.

Am Fuße des Ölbergs sind die Kirche der Nationen, die Grotte, in der Jesus am Abend der Verhaftung gebetet hat und das orthodoxe Mariengrab (an dem ich mir eine ordentliche Beule geholt habe – ich bin zu groß für solche Sightseeing Touren).

Die Stätten, die mich am meisten beeindruckten, sind sicher die beiden Grabstätten. Zum einen hat man das gigantische Chaos, das rund um die Grabeskirche entsteht. Wenn man in der Schlange steht, um in der Grabeskapelle zu beten, fühlt man sich ein bisschen wie in der Schlange für das neue iPhone – da wurde gerangelt, einer älteren Dame hinter mir ging es nicht schnell genug, sie ist dann beim Eingang an mir vorbeigeflutscht, um möglichst schnell in den kleinen Raum zu kommen, in dem die Grabesplatte liegt. Ich war leicht belustigt, muss ich sagen. Da man aber die genaue Grabstätte nicht bestimmen konnte, gibt es natürlich eine gewisse Dualität. Hauptsächlich die Protestanten glauben an das Gartengrab, das ein paar hundert Meter außerhalb der Altstadt nahe des Herodestor liegt. Als ich hier herkam, war da plötzlich eine gewisse Ruhe. Ein großer afrikanischer Chor war gleichzeitig zu Besuch und sang in dem wunderschönen Garten. Dann eine Höhle, leer – irgendwie habe ich es mir genau so vorgestellt.

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Ein besonderes Erlebnis – als Christ auf dem Tempelberg

Islam

Als Frau hat man es ohne Kopftuch im Muslimischen Viertel nicht gerade leicht – schon die Kinder schauen kritisch… Aber vielleicht habe ich mir das aber auch nur eingebildet. Was mich allerdings sehr überraschte, ich konnte ohne größere Probleme auf das Gelände des Tempelberges, das dritte Heiligtum des Islams. Aber der Reihe nach.

Gleich am Morgen machten wir uns auf den Weg zur großen Rampe. Nicht-Muslime dürfen nämlich nur einen Eingang hinauf zum Tempelberg nutzen. Der liegt direkt neben der Klagemauer. So ging es erst dort durch die Gepäckkontrolle. Dann kam man zu einem kleinen Schiffscontainer, in dem man dann ein weiteres mal genau durchleuchtet wird. Das Gepäck wird geöffnet, man wird abgetastet. Aber das unheimlichste kommt noch. Durch einen langen, etwa einen Meter breiten Korridor erreicht man den Vorplatz der Al aqsa Moschee. Das klingt erstmal einfach. Darin sitzen aber mindestens 15 Soldaten mit einem Maschinengewehr auf dem Schoß in Erwartung neuer Vorkommnisse. Spätestens hier merkt man dann, dass man heute Glück hat und alles ruhig ist.

Der Zugang zum Tempelberg ist übrigens stark eingeschränkt. Es funktioniert nur wenige Stunden am Tag. Die können sich täglich ändern, manchmal wird der Zugang auch komplett versperrt. Nicht einmal im Hotel, wo wir gefragt haben, wusste man bescheid. Da hilft nur, wenn man mal zum Eingang geht und schaut, ob man durchgelassen wird oder ob man eine vernünftige Antwort bekommt, wann es denn geht.

Oben hatten wir eine Stunde Zeit. Betreten durften wir natürlich weder den Felsendom noch die Moschee – schließlich war die „falsche“ Religion bei beiden zu offensichtlich. Auf jeden Fall sollte man sich dezent und respektvoll verhalten, keine Duckface Selfies etc. Und Schlag mit dem Ende der „Besuchszeit“ wurden wir sofort und massiv des Geländes verwiesen – dann ist übrigens der Ausgang, den man benutzt, im Gegensatz zum Eingang, egal.

Der Besuch an sich hinterließ bei mir irgendwie ein merkwürdiges Gefühl. Sicher hat der Felsendom eine anmutige und anziehende Schönheit, der sich wohl keiner entziehen kann. Hier spürt man aber auch die angespannte Atmosphäre der Stadt wie sonst nirgends. Natürlich betreten orthodoxe Juden den Berg nicht, zu groß ist die Gefahr, versehendlich das Allerheiligste des Tempels zu betreten. Der Konflikt um diesen Berg ist dennoch immens und schwelt seit Jahrhunderten.

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Israelmuseum

Das Israelmuseum ist den Weltreligionen nicht wirklich zuzuordnen, aber ein echtes Highlight, das man nicht verpassen sollte. Das Museum ist so riesig, dass man in einem Tag kaum alles entdecken kann. Spektakulär ist natürlich der Schrein des Buches, in dem die berühmten Qumran-Schriftrollen zu sehen sind. Dazu kommt eine riesige Sammlung mit Judaica, ein Kunstgarten und eine gigantische archäologische Sammlung.

Irgendwann ging es dann leider wieder nach Hause. Wir ließen über das Hotel wieder einen Sherut rufen, der uns zum Flughafen brachte. Hier sollte man wieder schauen, dass man 1-2 Stunden mehr einplant als bei jedem anderen Flughafen. Ich kam wieder gut durch, als ich mich umdrehte, war mein Mann plötzlich weg – er wurde zur Befragung einbestellt und sein Laptop überprüft. Je nachdem, wohin man vorher gereist ist und was man im Gepäck hat, kann man dann schonmal leichter Probleme bekommen als in Frankfurt oder in Hamburg.

Ein Citytrip nach Jerusalem ist etwas ganz Besonderes. Die Stadt hat eine besondere, eine aufgeladene Atmosphäre, die man einfach überall spürt. Immerhin kann man hier 3 Weltreligionen auf engstem Raum auf den Grund gehen. Ein bisschen Mut gehört selbstverständlich dazu, wenn man an jeder Ecke eine Gruppe bewaffneter Soldaten sieht. Gelegentlich hält man schon die Luft an, wenn man in ein Taxi steigt und durch die Siedlergebiete im Osten der Stadt gefahren wird, weil man auf den Ölberg will. Aber der Mut wird mit so vielen, beeindruckenden und mit Energie angereicherten Stätten belohnt.

Jerusalem beeindruckt einen, so weit, dass man nicht mehr davon loskommt. Es gibt Orte des Friedens, etwa das Gartengrab oder die Pater Noster Kapelle, es gibt aber auch Orte, wo man alle religiösen Konflikte der letzten 2000 Jahre hautnah spürt – sei es der Weltreligiöse, wie am Tempelberg oder sei es der Konfessionelle innerhalb der Grabeskirche.

Ich will wiederkommen, eigentlich so schnell es geht – schon die goldene Kuppel des Felsendoms lässt einem das Herz höher schlagen, egal ob man es zum ersten oder zum 20. mal sieht.

In diesem Sinne

Eure Anke

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. colorsoftheworld1 sagt:

    Ach wie gerne möchte ich mal nach Jerusalem. Da bekomme och gleich wieder Fernweh. Tolle Bilder toller Text!

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    1. Danke! Jerusalem ist einfach toll – aber man hat dann doch auch immer wieder ein leichtes Grummeln im Magen, ob nicht doch was passiert…

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  2. Janet sagt:

    Wow, ein sehr interessanter und informativer Artikel! Danke dir.

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    1. Danke dir, freut mich, dass es dir gefällt – Jerusalem ist eben einfach toll!

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  3. Agy sagt:

    Jerusalem steht auch auf meiner To-Do Liste, mal sehen, wann ich das mal auf die Reihe bekomme – danke für die tollen Eindrücke.

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  4. Da hast du ja ein kleines Abenteuer hinter dir! Würde ich auch spannend finden.

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  5. Goetz A. Primke sagt:

    Jetzt hast Du mir doch Appetit gemacht, hast mich neugierig gemacht, die Stadt kennenzulernen. Ich kann Dir dafür Beirut vorschlagen, das ist auch sehr spannend und unheimlich schön.

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    1. Jetzt kommt erstmal Petra (Jordanien) im Jänner und los Angeles im Frühjahr – aber Beirut klingt auch nach einem Plan.

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  6. chris.dian sagt:

    Das liest sich sehr interessant und die Bilder sind toll. Mich hält da trotzdem einiges davon ab hinzufahren, aber ich kann mich ja mit tollen Berichten davon begnügen.

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  7. Dein Artikel bestätigt: Jerusalem ist eines der ungewöhnlichsten Städte der Welt. Ich selbst war noch nie dort, es würde mich aber sehr reizen. Irgendwie kann ich mir so gar kein Bild machen, da hat mir dein Artikel schon sehr geholfen.

    Lieben Dank dafür. Daniela

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  8. Oh, meine Israellust ist massiv gesteigert. BIn gerade in der Vorplanung… aber das ist gerade bei einigen Ländern der Fall (damit man immer einen Aktionsplan in der Hand hat, wenn einen das Fernweh überkommt). Danke für den tollen Artikel! 🙂

    Sascha

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